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Samstag, 04. September 2010
Wir über uns

Die "Sonnengeflechte" macht ihr so schnell keiner nach

wir_ueber_uns_1Eine Fachfrau legt Hand an
Angelika Kornapp bei der Arbeit in ihrer Rohrflechterei in der Malstatter Brückenstraße.

  FOTO:  BECKER/SPIEGEL

Angelika Kornapp hängt ein altes Handwerk an den Nagel - Ihr Sohn führt das Geschäft weiter

Saarbrücken: (mib). Die Breite Straße im unteren Malstatt ist ein besonderes Stück Saarbrücker Wirtschaftsleben. Skurrile Läden reihen sich aneinander, die von der gebrauchten Babypuppe über die Nachkriegs - Standuhr bis zum modernen tragbaren Radio alles feilbieten. In unmittelbarer Nachbarschaft findet man Inline - Skater und Skiausrüstungen. In die Brückenstraße abbiegend steht man plötzlich vor einem schlichten und bodenständigen Handwerk- betrieb, der im Schaufenster kunstvoll geflochtene  Heizkörper- verkleidungen präsentiert. Seit 1978 arbeitet die "Stuhlrohrflechterei" Kornapp hier und ist mit dem Viertel - über die Jahre verwachsen. Nun hört die Inhaberin des Familienbetriebes, Angelika Kornapp, auf. Sie ist 65 und geht in Rente.  Das Ende des Fachbetriebes ? "Nein, es geht weiter", sagt Angelika Kornapps Sohn Walter (40) und setzt mit Blick auf die vergilbten Wände hinzu: "Wir müssen nur ein bißchen renovieren" Und einen neuen Namen gibt er dem Geschäft:  "Saarbrücker Stuhlflechterei".  Rosig sieht die Zukunft allerdings nicht aus. "Es würde sich rentieren, wenn nicht die Schwarzarbeiter wären." Oft, so erzählt Walter Kornapp weiter, werden Reparaturen seiner Branche der versicherungsfreien Heimarbeit zu Minimallöhnen weitergegeben. Das bringt den alten Familienbetrieb, der seit 1931 in Saarbrücken ansässig ist, an den Rand des Ruins.    Frau Kornapp erzählt, daß sie im letzten halben Jahr keine Aufträge gehabt habe. Gäbe es einen fairen Wettbewerb in ihrer Branche, würden die Kornapps gerne Arbeitskräfte einstellen.  Der Ärger sitzt bei Walter Kornapp tief:  "Ich bin gezwungen für Antiquitätenhändler so billig wie möglich zu arbeiten." Und das kann er nur, wenn er alleine bleibt.  Ein Stuhlbezug kostet 75 DM. Für die Malstatter Nachbarn in der Regel zu viel. Seine Auftraggeber sitzen denn auch in Homburg, Zweibrücken, Kaiserslautern, Regensburg - bis in die Schweiz reicht sein "Exportgebiet".

                         Schon als Kind geübt

    Während des Redens fliegen die Finger immer mal wieder über ein Arbeitsstück. Spezialgebiet und Hobby von Frau Kornapp sind die "Sonnengeflechte", ein schwieriges und besonders schönes Muster Kunsthandwerk!  Das macht mir kein Schwarzarbeiter nach.    Seit ihrem sechsten Lebensjahr flicht sie Binsen und Schlingpflanzen, wie sie im Laden an der Wand hängen.Ihr Vater beschäftigte 12 Mitarbeiterinnen.   Angelika Kornapp und ihre Schwestern mußten mithelfen, gefragt wurde da nicht. So ist sie in ihre Arbeit hineingewachsen. 1976 hat sie sich selbständig gemacht, nachdem sie Jahrzehnte bei den Eltern und danach bei ihrer Schwester gearbeitet hatte. Würde sie den Beruf noch einmal wählen? "Ja, auf jeden Fall. Es ist eine schöne Arbeit!" Die Geschäftsübergabe fällt ihr nicht schwer. Ich helfe weiter mit, solange ich gesund bin.  Auf der faulen Haut liegen, dass mach ich nicht." 

 

DAS ALTE HANDWERK

Möbel aus "Omas Zeiten"

Er ist der letzte seines Handwerks im Saarland: Der Rohrflechter Walter Kornapp. Doch über Arbeitsmangel braucht er sich nicht zu beklagen, denn Restaurierungen sind gefragt. 

Sorgfalt und Können
Damit ein Flechtwerk auch richtig wirkt, müssen Muster und Proportionen exakt stimmen. Nach langem Gebrauch franzt Peddigrohr irgendwann aus, und dann ist Walter Kornapps Stunde gekommen. Er verwandelt mit seinem Handwerk die alten Möbel oder Caféhaus - Stühle wieder in richtig repräsentative Stühle.
  
    Eine ganz besondere Schlingpflanze aus China ist das Arbeitsmaterial von Walter Kornapp in Saarbrücken. Rattan, Schilf oder Peddigrohr. Im einzigen Fachbetrieb für Rohrflechterei im Saarland kringeln sich bis zu 160 Meter verschiedener Stärken und Qualitäten dieser Schlingpflanze auf demWerkstattboden, wenn der Kunsthandwerker mit filigranen Flechtmustern wertvollen Antiquitäten Glanz und Charakter verleiht. Das biegsame, weiche und leicht zu verarbeitende, aber auch außerordentlich haltbare Naturmaterial, läßt Walter Kornapp extra aus China kommen. "Es handelt sich um reine Naturprodukte ohne Lösungsmittel", versichert der 42 jährige Rohrflechter, während er mit Schere und Polsternadel in der Hand Heizkörperverkleidungen und Stuhlflechtarbeiten gestaltet.  "Denn ich lege großen Wert auf Qualität und achte darauf, daß das Material Gemütlichkeit und Wärme ausstrahlt!" Walter Kornapp lernte dieses alte Kunsthandwerk von seiner Mutter Angelika. Heute führt er das 1931 von Grossmutter Maria Grünewald (1909 - 1989) gegründete traditionsreiche Unternehmen "Saarbrücker Stuhlflechterei" ist der einzige eingetragene Handwerksbetrieb für Rohrflechterei im Saarland.
    Schon als Kind habe er bei seinem Opa Heinrich Grünewald in der Werkstatt in der Fröschengasse am St. Johanner Markt "beim Rohrflechten auf die Finger geguckt", erzählt Walter Kornapp. "ich durfte Knochenleim auf dem Ofen erhitzen und lernte dabei auch die acht verschiedenen Flechtmuster kennen." Schon damals habe ihn "der Werkstattgeruch fasziniert", schmunzelt der 42 jährige Kunsthandwerker , "und auch die fröhliche Stimmung, mit der gearbeitet wurde".  
   Vor dem zweiten Weltkrieg hätten seine Großeltern noch mit zehn Angestellten für die großen Möbelhäuser und Fabriken gearbeitet, weiß Walter Kornapp aus Erzählungen. Und auch seine Mutter Angelika Kornapp (67), die "mit viel Liebe zum Kunsthandwerk" die Rohrflechterei - Tradition fortgeführt hatte, "mußte schon als Kind Stühle flechten". Das sei körperlich eine sehr anstrengende Arbeit gewesen, betont Angelika Kornapp, die gemeinsam mit ihren beiden Schwestern jahrzehntelang im Familienbetrieb tätig war. Vor allem die Augen würden bei dieser Arbeit sehr angestrengt. "Doch das Flechten hat mir immer Spaß gemacht, vor allem das gestalten von Sonnenmustern", sagte die ehemalige Rohrflechterin. Sie bedauere daher, da? sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr im Familienbetrieb mitarbeiten könne. Denn erst vor wenigen Wochen hat die 67 jährige den vor über 20 Jahren in die Saarbrücker Brückenstrasse verlegten Fachbetrieb endgültig an ihren Sohn Walter abgegeben. "Ich weiß das er diese schöne alte Tradition in meinem Sinn fortführen wird", sagt Angelika Kornapp mit Blick auf die zahlreichen geflochtenen Kunsthandwerke in der Werkstatt.  
  Stundenlang arbeitet der 42jährige Rohrflechter Walter Kornapp mit Konzentration, Fingerspitzengefühl und großem handwerklichem Geschick an der Sitzfläche eines nostalgischen Kaffeehausstuhls. "Wiener Muster" heißt das filigrane Flechtwerk, mit dem der Kunsthandwerker dem Möbelstück aus "Omas Zeiten" wieder seinen besonderen Charme verleiht. Dabei werden die einzelnen "Bänder" der Schlingpflanze in vorgebohrte Löcher eingefädelt, verknodelt und schließlich noch verklebt. "Jedes Muster muß genauestens berechnet werden und nichts darf schief oder krumm aussehen", sagt der Kunsthandwerker. "Die Arbeit geht wirklich in die Knochen. Aber es ist auch schön für mich, wenn die Kunden das fertige Stück bewundern." Am Tag kann Walter Kornapp drei Stühle restaurieren. Die verschiedenen Flechtmuster paßt er dabei jeweils dem Stil der Möbel an.  Für die Verkleidungen an Heizungen verwendet er beispielsweise das "Sonnengeflecht"im Stil einer aufgehenden Sonne und einer Rosette in der Mitte. "Gekonnt ist gekonnt", schmunzelt Walter Kornapp in seinem Fachbetrieb. Das Geheimnis dieses erfolgreichen Kunsthandwerks ist nach den Ausführungen von Walter Kornapp die Weitergabe des Wissens innerhalb der Familie. "Denn es gibt weder Schulen noch Prüfungen und schon gar keinen Meister oder Gesellen in unserem Fach", sagt er. Entweder man kann es nicht. Talent braucht man dazu, Fingerfertigkeit und viel Geduld - und natürlich auch den Sinn für echte Handarbeit."
  Der aufwendigste Auftrag bisher war ein französisches Bett aus napoleonischer Zeit. 14 Tage lang hatte Walter Kornapp damals noch gemeinsam mit seiner Mutter Angelika an dieser wertvollen Antiquität das Ober- und Unterteil mit einem "Wiener Geflecht" erneuert und damit auch zu neuem Glanz gebracht. "Ja, die Leute lassen sich heute Nostalgie wieder etwas kosten", bestätigt der Rohrflechter, der am liebsten Möbel aus "Omas Zeiten" mit Sternengeflechten Charakter verleiht.
   Walter Kornapp ist der einzige Rohrflechter im Saarland. Demnächst will Walter Kornapp seinen "Ein - Mann - Betrieb" ausbauen und auch Mitarbeiter einstellen. Die Tradition des alten Kunsthandwerks der Rohrflechterei habe heute wieder Zukunft, betont Walter Kornapp. Nicht zuletzt weil Restaurierungen gefragt sind. Nach Kornapps Erfahrung "geht der Trend hin zu den gemütlichen Möbeln des Chippendale, einem englischen Stil des 18. Jahrhunderts. Kennzeichen: wunderbar filigrane Flechtmuster.  
KARIN LÖFFLER
Letzte Aktualisierung ( Montag, 09. Juni 2008 )
 
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